Vom geglückten Leben

Als »stoisch« bezeichnen wir eine Person von unerschütterlicher Gelassenheit. Der Begriff geht auf die Gründung einer philosophischen Schule in einer Säulenhalle (Stoa) des Athener Marktplatzes um 300 v. Chr. zurück. Ihr erster Lehrer war Zenon von Kition, der mit ihr eine der einflussreichsten Strömungen der antiken Philosophie begründete. Sie wirkte ungebrochen bis in die Spätantike fort und wurde vom aufkommenden Christentum in wesentlichen Zügen adaptiert.

Einer der späten Philosophen der Stoa war Epiktet. Er wurde um 50 n. Chr. in Hierapolis in der heutigen Türkei geboren und kam als Sklave nach Rom, wo er die stoische Philosophie kennenlernte. Später gründete er eine philosophische Schule in Nikopolis an der Nordostküste Griechenlands. Epiktet selbst hat keine Schriften hinterlassen; wir kennen seine Lehre nur aus den Aufzeichnungen seines Schülers Arrian.

»Das Buch vom geglückten Leben«, auch bekannt unter dem Titel »Handbüchlein der Moral«, enthält eine kurze Zusammenfassung der Philosophie Epiktets. Im Zentrum steht die Unterscheidung zwischen jenen Umständen, die wir selbst beeinflussen können und jenen, über die wir keine Macht haben. Aus der Erkenntnis, dass jede Situation von Bedingungen abhängt, die nicht unserem Wollen unterliegen, entwickelt Epiktet eine Lehre der inneren Gelassenheit und Selbstbeherrschung, die er für die notwendige Grundlage jedes geglückten Lebens hält: Glücklich sind nur jene, die ihre Ziele und ihr Wollen an der Einsicht in die tatsächliche Lage der Dinge orientieren können.

Das kleine Büchlein ist auch nach fast 2.000 Jahren immer noch eine bereichernde Lektüre.

Epiktet: Das Buch vom geglückten Leben. Übersetzt von Carl Conz. dtv Taschenbuch 34243. ISBN: 978-3-423-34243-8. Preis: € 7,– .

Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten

Als »Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten« von Robert M. Pirsig 1974 erschien, hatten es zuvor 121 Verlage abgelehnt. Das ist ein Weltrekord für einen späteren Bestseller, wie auch das Guinness-Buch der Rekorde anerkennt. Daher waren sowohl der Autor als auch der Verleger überrascht, dass sich das Buch zuerst zum Best- und anschließend zum Longseller entwickelte. Bis heute sind weltweit mehr als fünf Millionen Exemplare des Buchs verkauft worden, und es wurde rasch in alle bedeutenden Literatursprachen übersetzt. Allerdings sollte der Leser trotz des Titels nicht allzu tiefe Einsichten in den japanischen Zen-Buddhismus erwarten: Das Buch ist zur einen Hälfte autobiografische Erzählung, zum anderen ein breit angelegter philosophischer Essay, den Pirsig bewusst so geschrieben hat, dass er auch für philosophische Laien verständlich ist. Den erzählerischen Rahmen bildet eine Motorrad-Tour, die Pirsig zusammen mit seinem ältesten Sohn Chris und zwei Bekannten durch den Nordwesten der USA unternimmt. Während der langen Fahrten kreisen die Gedanken des Erzählers immer wieder um Themen wie Geduld, Aufmerksamkeit, Sorgsamkeit, Konzentration und Geläufigkeit. Gleichzeitig erfährt der Leser aber auch Pirsigs frühere Lebensgeschichte, die in einer Einweisung in eine psychiatrische Anstalt gipfelt.

Pirsig hatte mit dieser Mischung von Themen offenbar einen Nerv der 70-er Jahre getroffen. Aber auch heute noch sind seine Gedanken zu Technik und dem richtigen Umgang mit ihr höchst aktuell und lesenswert. Ein Buch zum Entdecken und Wiederlesen.

Robert M. Pirsig: Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten. Fischer Taschenbuch 2020. ISBN: 978-3-596-22020-5. Preis: € 9,95.

Die philosophische Hintertreppe

»Im Verhältnis zum gesunden Menschenverstande«, so schreibt der große Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel, »ist an und für sich die Welt der Philosophie eine verkehrte Welt.« Dem dürften die meisten Menschen, die sich einmal an einem philosophischen Text versucht haben, zustimmen, wenn auch vielleicht nicht in dem Sinne, wie Hegel es gemeint hat. Dennoch hat auch heute noch die Philosophie bei den meisten eine hervorragende Reputation, und einigen wenigen Philosophen wie zum Beispiel Peter Sloterdijk gelingt es mit schöner Regelmäßigkeit, mit ihren Büchern auf die Bestsellerlisten zu kommen.

Doch die meisten Leser nähern sich der Philosophie über eine sogenannte Einführung, die nicht nur für die akademischen Studenten des Fachs geschrieben werden, sondern auch für den philosophischen Laien. Einer der Klassiker unter diesen Einführungen ist Wilhelm Weischedels (1905–1975) »Die philosophische Hintertreppe«, bereits 1966 zum ersten Mal erschienen und bis heute in zahlreichen Ausgaben und Auflagen nachgedruckt. Weischedel, selbst ein akademischer Philosoph von Rang, bringt dem Leser die Philosophie von den antiken Anfängen bis zum 20. Jahrhundert in 34 Portraits ausgewählter Philosophen näher. Er konzentriert sich dabei stets auf eines der Kernprobleme des entsprechenden Philosophen und macht die Lösung dieses Problems in ihrer jeweiligen Entwicklung verständlich. In aller Kürze entsteht so eine gut lesbare und verständliche Geschichte der Philosophie, die den Leser zu weiterer, eigenständiger Lektüre anregen will.

Wilhelm Weischedel: Die philosophische Hintertreppe. 34 große Philosophen im Alltag und Denken. dtv 19511. ISBN: 978-3-423-19511-9. Preis: € 10,–. Dieser Titel kann in der Stadtbibliothek Solingen (Bergisch eMedien) als eBook ausgeliehen werden.

Was bedeutet das alles?

Vielen Menschen, die durchaus an der Philosophie ernsthaft interessiert sind, geht es wie dem Schüler in Goethes »Faust«:

An ihrem Hals will ich mit Freuden hangen;
Doch sagt mir nur, wie kann ich hingelangen?

Einführungen in die Philosophie sind oft für Studierende geschrieben und deshalb auf den akademischen Betrieb der Philosophie ausgerichtet, oder sie präsentieren die Philosophie in ihrer historischen Entwicklung, was sie umfangreich macht und einen direkten Zugang zur Sache verstellt.

Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel hat im Gegensatz dazu eine Einführung in die Philosophie geschrieben, die auf nur wenig mehr als 100 Seiten einen weitgehend voraussetzungslosen Zugang zu klassischen Themen und Fragestellungen der Disziplin liefert. Nagels Büchlein beschäftigt sich mit der Frage nach der Erkenntnis, nach dem Bewusstsein anderer Menschen, dem Leib-Seele-Problem, der Bedeutung von Wörtern, der Frage nach Recht, Unrecht und Gerechtigkeit, dem Tod und schließlich auch nach dem Sinn des Lebens. Dabei gelingt es ihm anhand klarer und einfacher Beispiel und in wenigen Worten, wichtige, aktuelle philosophische Positionen zu diesen Fragen präzise zu beschreiben. Das Büchlein will keine Antworten auf die gestellten Fragen liefern, sondern die Art und Weise deutlich machen, wie Philosophen diese Fragen angehen.

Eine gelungene Einführung in die Philosophie, die frei ist von historischem oder akademischem Ballast. Eine Empfehlung für alle, denen bislang ein  Zugang zur Philosophie versperrt geblieben ist.

Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie. Aus dem Englischen übersetzt von Michael Gebauer. Stuttgart: Reclam, 2008. ISBN: 978-3-15-010682-2. Preis: 6,90 €.

Handorakel

Heute vor 350 Jahren starb im Jesuitenkolleg von Tarazon, einem kleinen Städtchen im Nordwesten von Aragon, mit nur knapp 58 Jahre der Jesuitenpater Baltasar Gracián. Er hatte in seinen letzten Lebensjahren nicht viel Ruhe gehabt: Seine satirischen Schriften und besonders auch sein großer, allegorischer Roman »Das Kritikon« hatten ihm viele Feinde eingebracht. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts geboren, war er mit 18 Jahren dem Jesuitenorden beigetreten und hatte sich schon bald einen Namen als Prediger, Lehrer und Redner gemacht und wirkte in Zaragoza, Tarragona, Valencia und Madrid.

Die allermeisten von Graciáns Schriften sind heute eine Sache für Spezialisten. Selbst das Hauptwerk »Das Kritikon«, das 2001 noch einmal vollständig neu ins Deutsche übersetzt wurde, dürfte nur noch wenige Leser finden. Aber ein Werk hat die Zeitläufte unbeschadet überstanden und fasziniert heute noch so wie zu Lebzeiten des Autors: das »Handorakel«. Dieses schmale Bändchen ist eine Sammlung von 300 kurzen Abschnitten, die alle die Lebens- und Weltklugheit zum Thema haben. Graciáns Ratschläge für ein gutes Leben mögen im Einzelnen nicht wirklich überraschen, aber in ihrer Gesamtheit bilden sie so etwas wie ein ideales Porträt des Menschen in Gesellschaft.

In Deutschland hatte das Büchlein das Glück von einem großen Philosophen und Stilisten – eine Kombination, die nicht häufig ist – übersetzt zu werden: Arthur Schopenhauer war ein großer Freund Graciáns und hat das Handorakel 1832 so sorgfältig in Deutsche übersetzt, dass seine Übertragung bis heute gültig geblieben ist.

Baltasar Gracián: Handorakel und Kunst der Weltklugheit. Aus dem Spanischen von Arthur Schopenhauer. dtv Taschenbuch 34244. ISBN: 978-3-423-34244-5. Preis: € 6,00.